USASeit 1945 sechs Millionen Tote in US-Kriegen

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Seit 1945 sechs Millionen Tote in US-Kriegen

Von Ignaz Staub, 09.01.2012

In einem Meinungsbeitrag für die „Washington Post“ geht MIT-Politologe John Tirman der Frage nach, weshalb sich die USA nur selten mit den zivilen Opfern ihrer Kriege beschäftigen. Dabei haben Amerikas grössere Interventionen seit dem 2. Weltkrieg „kolossales Blutvergiessen“ verursacht. Konservative Schätzungen gehen von mindestens sechs Millionen toten Zivilisten und Soldaten aus.


„Unser mangelndes Bewusstsein hat weniger mit einem Versehen als mit Gewohnheit zu tun“, schreibt John Tirman, der zum Thema auch ein Buch verfasst hat („The Deaths of Others: The Fate of Civilians of America’s Wars“). Die Amerikaner, so der Autor, sähen sich selbst als grosszügig und einfühlsam, und oft seien sie das auch, so etwa im Falle von Naturkatastrophen wie dem Tsumani in Asien im Jahre 2004 oder dem Erdbeben in Haiti vor zwei Jahren: „Wenn es jedoch um unsere Kriege in Übersee geht, kümmern wir uns lediglich um das Schicksal der US-Truppen.“

Jon Tirman nennt erschreckende Zahlen. In Korea seien Schätzungen zufolge während dreier Kriegsjahre drei Millionen Menschen gestorben, rund die Hälfte unter ihnen Zivilisten – eine Folge der Bevölkerungsdichte auf der koreanischen Halbinsel und der häufig wechselnden Kriegsfronten. Der Krieg in Vietnam und dessen Ableger in Laos und Kambodscha waren dem Politologen des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) zufolge noch tödlicher: Laut ähnlichen Annahmen mehrerer Forscher starben in Vietnam zwischen 1,5 und 3,8 Millionen Zivilisten und Bewaffnete, in Kambodscha zwischen 600 000 und 800 000 Menschen und in Laos rund eine Million. Zwei wissenschaftliche Untersuchungen schätzten 2006 die Zahl der Toten im Irak auf zwischen 400 000 und 650 000 und jene der Opfer in Afghanistan auf rund 100 000.

Sorglose Haltung

Tirman räumt ein, dass diese Zahlen nur bedingt gültige Schlüsse zuliessen, weil die einen Schätzungen lediglich Opfer direkter militärischer Gewalt zählten, andere jedoch auch Opfer sogenannt „struktureller“ Gewalt“ erfassten, d.h. zum Beispiel jene Menschen, die als Folge des Zusammenbruchs eines Gesundheitssystems sterben: „Der Umstand, dass wir kein offizielles System kennen, um die Opfer zu zählen, ist ein Indiz für die sorglose Haltung, die unsere Kriege begleitet.“

Der Mangel an Mitgefühl äussert sich dem MIT-Forscher zufolge auch in der weitgehenden Absenz von Zivilisten in Hollywood-Filmen, Dokumentarfilmen und Romanen: „Die Unterhaltungsindustrie porträtiert diese Kriege eher selten und falls doch, fast immer mit Fokus auf die Amerikaner.“ Eine lobenswerte Ausnahme war 2006 Clint Eastwoods „Letters from Iwo Jima“, ein Film, der den Krieg im Pazifik während des 2. Weltkriegs, konkret die erbitterte Schlacht um die Insel Iwo Jima, aus Sicht der japanischen Verteidiger zeigt und aus Briefen der Soldaten an Angehörige zu Hause zitiert.

Der Mythos von der Grenze

Ausserdem sind in den USA Umfragen zur Haltung zivilen Opfern gegenüber selten. Falls es trotzdem welche gab, waren deren Ergebnisse gemäss Tirman „erstaunlich“. Eine Harris-Umfrage ergab 1968, dass vier Prozent der Amerikaner ziviler Verluste wegen ein Ende des Krieges in Vietnam befürworteten. Als sich die Nachrichtenagentur AP 2007 bei Amerikanern nach der Zahl toter Iraker erkundigte, schätzten Befragte die Zahl der Opfer im Schnitt auf 9890 – zu einem Zeitpunkt, als die tatsächliche Zahl schon mehrere Hunderttausend betragen haben dürfte. Andere Umfragen ergaben 2007 und 2008, dass sich eine klare Mehrheit der Amerikaner für einen Truppenrückzug aus dem Irak aussprach, auch wenn das die Gefahr eines Bürgerkriegs erhöhte: „Heute gibt es praktisch keine Unterstützung für eine Wiederaufbauhilfe im Irak oder in Afghanistan – keine Kampagnen grösserer Hilfswerke, keine Bereitschaft, irakische Flüchtlinge aufzunehmen.“ Die Reaktion der USA auf so viele Tote im Irak, auf fünf Millionen Vertriebene und ein zerstörtes Land, folgert John Tirman sei „erschreckend gleichgültig.“

Dem MIT-Forscher zufolge beeinflusst „the frontier myth“ (ein Begriff des Kulturhistorikers Richard Slotkin) Amerikas Haltung zivilen Opfern gegenüber. Dieser Mythos besagt, dass Gewaltanwendung rechtens und gerecht ist, wenn es darum geht, Wilde zu unterwerfen oder zu vernichten, deren Land die Amerikaner zu erobern versuchen: „Während Jahrhunderten ist der Mythos Grenze eine der unverwüstlichsten nationalen Erzählweisen gewesen.“ Demgemäss waren in Korea und Vietnam „schlitzäugige“ Asiaten die Wilden, die es zu unterwerfen galt; im Irak und in Afghanistan waren Muslime oder militante Islamisten die Repräsentanten gesetzloser Kulturen, die es zu zivilisieren galt.

Die Opfer sind schuld

John Tirman zitiert den Politikexperten Robert D. Kaplan, der 2004 in einem Meinungsbeitrag für das „Wall Street Journal“ geschrieben hat: „Die Metapher vom roten Indianer ist eine Gedankenstütze, die unter Vertretern der liberalen Nomenklatura Unbehagen auslöst; Feldoffizieren der Armee und der Marineinfanterie aber leuchtet sie ein, weil sie die Herausforderungen des Kampfes im frühen 21. Jahrhundert perfekt widerspiegelt.“ Nicht umsonst lautete im Mai 2011 der militärische Kodename für die Operation zur Tötung Osama bin Ladens im pakistanischen Abottabad „Geronimo“.

Die schlüssigste Erklärung für Amerikas Desinteresse zivilen Kriegsopfern gegenüber ist laut Tirman die psychologische Theorie von einer „gerechten Welt“. Dieser Theorie zufolge gehen Menschen davon aus, dass die Welt ordentlich und rational sein sollte. Ist das nicht der Fall, empfinden sie ein negatives Ereignis als Abweichung von der Norm, was Amerikas Reaktion auf die Gewalt in Korea, in Vietnam, im Irak und in Afghanistan erkläre: „Als die Kriege schlecht zu laufen begannen und die Gewalt eskalierte, nahmen das die Amerikaner nicht zur Kenntnis oder schoben den Opfern die Schuld dafür in die Schuhe.“ Die Öffentlichkeit habe im Fall von Zivilisten hohe Sterberaten, Vertreibungen und Zerstörungen ignoriert, weil solche Phänomene nicht mit ihrem Selbstverständnis und ihrer Auffassung von der Rolle Amerikas in der Welt übereingestimmt hätten.

Eine solche Haltung aber hat nach John Tirman gravierende Folgen: „Vielleicht die wichtigste Konsequenz ist jene, dass die Gleichgültigkeit unseren militärischen und politischen Führern erlaubt, weitere Interventionen zu verfolgen.“ Jedenfalls fordern derzeit in den USA republikanische Präsidentschaftskandidaten im Atomstreit mit dem Iran unwidersprochen, statt weiterhin auf Diplomatie zu setzen, die Nuklearanlagen der Islamischen Republik zu bombardieren. Ein neuer Angriff am Golf aber hätte wieder unvorhersehbare Folgen.

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